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Wie wirken sich die Veränderungen des Detailhandels auf unsere Erdgeschosse und Städte aus?

Interview VGZW mit Hermann Meier

Hermann Meier / Bildquelle: Hermann Meier

Das nachfolgende Gespräch mit Hermann Meier beleuchtet die aktuellen Entwicklungen im Detailhandel und zeigt auf, welche Anforderungen sich daraus für Standorte, Ladenformate und die Gestaltung von Erdgeschossen ergeben.

Drazenka Dragila Salis, SPS, und Sabine Friedrich, KEEAS, führen das Gespräch mit Hermann Meier.

Was beschäftigt einen grossen Detaillisten wie die Migros derzeit und was sind die Treiber für die Gestaltung der Erdgeschosse durch Detaillisten?

Ausgangslage

Drazenka Dragila Salis (DDS): Der Handel ist für uns Menschen und unsere Städte überlebenswichtig und prägt seit Jahrhunderten unsere Stadtkultur. Aus dieser Perspektive heraus stellt sich die Frage, wie sich der Detailhandel – und insb. der Handel mit Gütern des täglichen Bedarfs – verändert und zukünftig unsere Städte prägt.

Hermann Meier (HM): Der Preiskampf zwischen den grossen Detaillisten tobt im Foodbereich! Um näher an den Endkunden zu sein, gilt es für die Migros, die hierfür geeigneten Standorte zu sichern. Dabei stehen nicht mehr grosse Ladenflächen im Vordergrund, sondern kleinere Filialen in bester Lage. Gründe für die Flächenverkleinerung liegen u. a. darin, dass der Online-Handel grosse Bereiche des Non-Food-Bereichs übernommen hat. Hingegen hat dieser beim Food kaum nennenswerte Wachstumsraten. Mit den kleiner werdenden Filialen wird hierauf reagiert, und gleichzeitig verschlechtert sich damit aber auch die Wirtschaftlichkeit des Betriebs.

Optimale Standorte und Formate

Sabine Friedrich (SF): Wo besteht derzeit Bedarf an Standorten und welche Formate werden gesucht?

HM: In Zürich ist es schwierig, gute neue Standorte zu finden. Genossenschaften und Investoren verfügen öfters nur über zu kleine Flächen, um die 100 m². Der Flächenbedarf liegt aber eher bei 250 m² und darüber. Mit einer Flächengrösse von 600 m² kann eigentlich alles abgedeckt werden. Daraus ergibt sich: Je besser zugeschnitten (quadratisch/rechteckig) und je weniger Stützen eine Fläche hat, desto effizienter kann sie bewirtschaftet werden.

Aber nicht nur die Fläche, sondern auch eine Logistikanbindung, die auch für grössere Fahrzeuge tauglich ist, ist zentral für die Tauglichkeit eines Standorts. Viele Flächen entsprechen zudem nicht den optimalen Anforderungen, wie z. B. einer möglichst grossen Fläche ohne Stützen. Dies lässt sich im Endausbau kaum korrigieren. Ein frühzeitiger Einbezug in das Bauprojekt, z. B. im Rahmen des Vorprojekts, wäre wünschenswert. 

Kritisch sind auch Ersatzneubauten von bestehenden Standorten, die über mehrere Jahre wegfallen. Dies führt oft zu hohen Kundenverlusten (bis zu 80 %), die im Anschluss kaum wieder rückerobert werden können. Provisorien aufzustellen, wie dies am Kreuzplatz erfolgte, locken eher neue Kunden an. Hier konnte jedoch nach der Neueröffnung der alte Kundenstamm wieder rückerobert werden.

SF: Welche Anforderungen stellen sich insbesondere an die Logistik?

HM: Wie auch Coop und Aldi nutzt die Migros eine Palettenlogistik, die zwar effizienter ist als Rollcontainer, aber auch höhere Anforderungen an die Anlieferung stellt, z. B. an Hebebühnen, Anfahrtssituation und Ebenerdigkeit innerhalb der Verkaufsflächen. Um Beschwerden aus der Nachbarschaft zu verringern, wird zudem eine eingehauste Logistik bevorzugt. Unterirdische Logistik hingegen ist eher aufwändig in der Anfahrt, verlängert die Umlaufzeiten an der Rampe und bedingt im Umkehrschluss mehr Rampenplätze.

SF: Die Migros schliesst sich bisher oft zusammen mit anderen Anbietern, was letztlich zu kleinen Einkaufszentren führt. Wird diese Strategie im Zuge der Standortverkleinerung noch verfolgt?

HM: Hier differenziert die Migros: In ländlichen Standorten wird – wo möglich – eine Standortkombination mit Denner und Apotheke angestrebt. In städtischen Standorten, wo diese Nutzungen meist schon vorhanden sind, wirkt sich die Nachbarschaft mit anderen Nutzungen positiv auf den Umsatz aus, je potenter dieses Cluster ist.

SF: Die zumeist introvertierten Fassaden wirken eher abweisend. Gibt es hierzu seitens der Migros auch Alternativen?

HM: Man kann sich das so vorstellen: Eine Fläche von ca. 500 m² erzeugt eine Abwicklung von 50–70 m an den Rändern. Einblicke bedingen einen Verlust an «Verkaufsfläche». Im Schnitt ist maximal ein Drittel bis ein Viertel der Fensterfläche im Bereich der Kassen offen, um die Vorgaben des Arbeitsschutzes einzuhalten. Unwirtschaftliche Flächen bedingen letztlich günstigere Mieten! Mehr Sichtfläche erzeugt leider nicht mehr Kunden. Hierfür ist die Standort- und Erschliessungsqualität massgebend.

Blick in die Zukunft

DDS: Gibt es dann in Zukunft nicht mehr die unterschiedlichen Formate wie MMM, MM und M?

HM: Im Gegensatz zu Aldi, das auf ein Standardformat setzt, behält die Migros ihre Formate, hat diese aber weiter standardisiert und setzt auf die Novität der Läden. Nach bereits siebeneinhalb Jahren erfolgt ein Face-Lifting. Nach 15 Jahren braucht es eine grundlegende Überholung.

DDS: Bleibt dann nicht die Kreislaufwirtschaft auf der Strecke?

HM: Nicht unbedingt. Ältere Geräte werden runderneuert und kommen wieder zum Einsatz. Auch wenn dies heute noch den kleineren Anteil ausmacht. In anderen Bereichen hingegen setzt die Migros sehr stark auf Kreislaufwirtschaft.

DDS: Wäre dies nicht ein Thema, um gerade jüngere Kunden anzulocken?

HM: Der Anteil, der sich hiervon angesprochen fühlt, ist immer noch zu klein. Die Kundschaft bestimmt die Kultur und nicht der Händler!

Eröffnung Filiale Leutschenbach / Bildquelle: Hermann Meier

DDS: Welche Entwicklungen sieht die Migros für die Zukunft?

HM: Derzeit prüfen wir seit einiger Zeit Pilotstandorte mit autonomen Läden. Die Personalreduktion, wie diese bereits durch Self-Scanning gefördert wird, trägt massgeblich zur Kostenreduktion bei . 
Die Automatisierung und modernste Logistik am Standort in Herdern ist ein weiterer wichtiger Schritt.

Beispiel aus Europa

DDS: Gibt es Beispiele im europäischen Umfeld, aus denen wir lernen können?

HM: Albert Heijn setzt in Holland auf maximale Effizienz (z. B. werden auf 80 m² 600 Artikel für den sofortigen Verzehr angeboten), in zonierten Layouts, die Kunden zügig führen, und mit bargeldlosen Selbstbedienungskassen, wobei der Fokus auf Frische und Schnelligkeit liegt. Die Migros muss in diesem kleinteiligen Segment flexibler werden.

DDS: Es scheint, dass wir Konsumenten hier zu kurzfristig und ökonomisch getrieben sind! Dass der Handel früher Treiber für städtische Entwicklungen war, ist heute kaum noch von Bedeutung.

HM: Um erfolgreich zu bleiben, führen Händler letztlich aus, was Kunden wünschen!

SF: Was können Stadtplaner und Architekten dazu beitragen, dass der Einzelhandel wieder mehr zur Belebung unserer Städte beiträgt?

HM: Die preisgetriebene Diskussion führt zwar zu günstigeren Preisen, aber ob dieser Kampf gewonnen werden kann, erscheint fraglich. Ein frühzeitiger Einbezug der zukünftigen Nutzenden ist sicherlich wichtig. Die Einbettung der Nutzung in den Stadtraum und ein gutes Clustern von Nutzungen (Kuration der Nutzungen) können vielleicht dazu beitragen, die Detaillisten in ihren Bemühungen zu unterstützen.

DDS: Die Kraft der Emotionen dar nie vergessen werden!

Ausblick – Termine 2026

Generalversammlung: 3. Dezember 2026

Auch in diesem Jahr werden wir die Generalversammlung dazu nutzen, um einen Überblick über laufende Projekte in Zürich-West zu geben. Darüber hinaus wird ausreichend Gelegenheit für persönlichen Austausch und lebhafte Diskussionen unter den Mitgliedern bestehen. Bitte merken Sie sich bereits jetzt den 3. Dezember 2026, ab 15:30 Uhr, vor.

Pfingstweidstrasse Zürich  /   Bildquelle: Genossenschaft Migros Zürich

Zurückliegende Mailings

Mit den VGZW News soll zur aktiven Kommunikation innerhalb des Vereins zwischen den Mitgliedern aber auch zu an der Entwicklung von Zürich West aktiv Interessierten beigetragen werden. Zweimal jährlich werden die VGZW News auf der neuen Webpage oder aber auch im Direktabonnement (per Mail) mit aktuellen Informationen erscheinen. Eine aktive Mitarbeit der Mitglieder ist erwünscht.

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